Freitag, 9. Januar 2026

Buchrezension: Marc Raabe - Zimmer 19 (Tom-Babylon-Serie, Band 2)

Inhalt:

Auf der Eröffnungsveranstaltung der Berlinale wird zum Entsetzen aller ein Snuff-Film gezeigt. Das Opfer: die Tochter des Bürgermeisters Otto Keller.
Tom Babylon vom LKA und die Psychologin Sita Johanns ermitteln unter Hochdruck. Doch eine Gruppe von Prominenten um Keller mauert. Was hat der Bürgermeister zu verbergen? Und wer ist die Zeugin, die aussieht wie Tom Babylons vor Jahren verschwundene Schwester? Die Ereignisse überschlagen sich, als ein weiterer Mord passiert. Plötzlich stellt Sita Johanns fest, es gibt eine Verbindung zwischen ihr und den Opfern: Ein furchtbares Ereignis in ihrer Jugend - und die Zahl Neunzehn. 

Rezension: 

Während der Berlinale wird ein Film vorgeführt, der die Tötung der Tochter des regierenden Bürgermeisters zeigt. Da sie Schauspielerin ist und die Leiche nicht gefunden wird, ist zunächst nicht klar, ob die Szene echt ist. Am vermeintlichen Tatort wird eine Aufschrift mit der Zahl 19 gefunden, was das Berliner LKA an einen Fall vor anderthalb Jahren erinnert, in dem ebenfalls eine Zahl eine Rolle spielte. Die Soko von damals wird erneut mit den Ermittlungen betraut.
Als von einem Bekannten des Bürgermeisters die Tochter entführt wird, wird von einem Zusammenhang beider Fälle ausgegangen. Offensichtlich ist, dass die beiden Männer etwas zu verbergen haben, wobei ihr Schweigen die Ermittlungen weiter erschwert.
Für Tom Babylon und Sita Johanns wird der Fall besonders prekär, als sie Verbindungen zu ihrer eigenen Vergangenheit feststellen.

"Zimmer 19" ist nach "Schlüssel 17" der zweite Band um den LKA-Ermittler Tom Babylon. Da es sowohl in Bezug auf die Ermittlungen, als auch im Hinblick auf Toms Vergangenheit Anspielungen auf den ersten Band gibt, ist es hilfreich, die Thrillerreihe chronologisch zu lesen.

Der Roman handelt an nur wenigen Tagen im Februar 2019. Darüber hinaus gibt es Rückblenden in das Jahr 2001, die traumatische Erfahrungen der noch jungen Sita schildern. Nicht weiter verwunderlich ist, dass diese dunklen Kapitel für den gegenwärtigen Kriminalfall eine Rolle spielen, aber auch Toms Vergangenheit holt ihn bei einem Leichenfund wieder ein. Zudem schöpft er weiterhin Hoffnung, das Verschwinden seiner jüngeren Schwester aufzuklären.

Wechselnde Orte und Perspektiven sorgen für Dynamik und ergeben viele kleine Puzzleteile, die erst am Ende zusammengesetzt werden. Durch Kapitelüberschriften mit Datums- und Ortsangaben fällt es nicht schwer, den Überblick über den Handlungsrahmen zu behalten.

Die Handlung ist temporeich, denn die Ermittler stehen aufgrund der entführten Kinder unter einem enormen Zeitdruck, den Täter zu fassen. Zudem sorgen die persönliche Involvierung von Tom und Sita in dem Fall sowie ihre Dämonen der Vergangenheit, die sie fortlaufend in Gefahr bringen, für anhaltende Spannung.

Am Ende fügen sich alle Handlungsstränge logisch zusammen und offenbaren ähnlich wie in Band 1 dunkle Machenschaften, die Jahrzehnte später gesühnt werden sollen. Tom und Sita gehen erneut eigenwillig vor, um den Fall zu lösen und gelangen dabei an ihre psychischen und physischen Grenzen. Ihr wiederholtes Glück, von den Tätern verschont zu werden und die Zufälle, die Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen, empfand ich ein wenig weit hergeholt. 


Mittwoch, 7. Januar 2026

Buchrezension: Coco Mellors - Cleopatra und Frankenstein

Inhalt:

Ein Silvesterabend in New York: Cleo, Mitte zwanzig, britische Kunststudentin, Bohémienne a.k.a. ewig pleite, trifft Frank, Mitte vierzig, Amerikaner, Inhaber einer Werbeagentur und ungleich gesettleter, im Aufzug einer Partylocation. Es ist die vielbeschworene Liebe auf den ersten Blick. Hals über Kopf stürzen Cleo und Frank sich in eine amour fou, mit der sie selbst kaum Schritt halten können - geschweige denn die, die ihnen nahestehen. 

Rezension: 

Cleo und Frank treffen sich im Fahrstuhl beim Verlassen einer Silvesterfeier. Es bleibt nicht bei einem Flirt, schon nach sechs Monaten sind die beiden verheiratet, denn Cleos Studentenvisum neigte sich dem Ende zu. Sie lieben sich, doch der Alltag ist nicht einfach. Cleo versucht sich als Künstlerin einen Namen zu machen, leidet jedoch seit Jahren unter Depressionen und hat den Verlust ihrer Mutter nicht verkraftet. Der knapp 20 Jahre ältere Frank ist Inhaber einer Werbeagentur und erfolgreicher Selfmade-Man, hat jedoch mit einem Alkoholproblem zu kämpfen.  
Unsicherheiten, Streit und fehlende Kommunikation sind die Folge und drohen ihre Liebe zu zerbrechen. 

Der Roman ist aus mehreren Perspektiven geschildert. Neben den beiden Hauptfiguren Cleo und Frank gibt es Kapitel aus der Sicht von Personen, die ihnen nahestehen, wie Franks Halbschwester Zoe und verschiedene Freunde von Cleo und Frank in New York. 
Es ist ein Buch über Liebe und Freundschaft und vor allem über die Probleme ausgefallener Individualisten. Ausgehend vom Künstler- und Kreativenmilieu geht es um eine privilegierte Gesellschaftsschicht in New York, in der Drogenkonsum und psychische Probleme keine Seltenheit sind. 

Durch die verschiedenen Personen und die Schwierigkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sehen, ist die Geschichte facettenreich und vielschichtig, wobei die Verbindung zu Cleo und Frank als roter Faden stets erhalten bleibt. Die Vielzahl an handelnden Figuren sorgt jedoch auch dafür, dass einige der Themen um mentale Gesundheit, Sexualität und Rassismus nur oberflächlich behandelt werden. 
Dennoch ist insbesondere in den Dialogen die feine Beobachtungsgabe der Autorin zu erkennen. Der trockene Humor sorgt für ein wenig Leichtigkeit, auch wenn der Roman von einer steten Traurigkeit durchzogen ist. Nach der berauschenden Liebe auf den ersten Blick erfolgt die Ernüchterung und eine Erzählung, was nach dem Happy End passiert. Angst, sich den Problemen zu widmen, fehlende Kommunikation und der Wunsch, die Flucht zu ergreifen drohen Cleos und Franks Liebe zu zerstören.

Aus einem romantischen Neubeginn entwickelt sich ein schmerzhaftes Porträt einer Liebe. Es ist eine unbequeme Geschichte über Großstädter zwischen Identitätssuche und Selbstzerstörung, wobei die destruktiven Verhaltensweisen der Charaktere in den Bann ziehen und ein Ende ungewiss machen. Der Roman handelt innerhalb von zwei Jahren und schildert eine authentische Entwicklung der Figuren. Aufgrund der nur episodenhaften Darstellung entsteht jedoch keine echte Nähe. 

Montag, 5. Januar 2026

Buchrezension: Thomas Ziebula - Waldmann: Flucht in den Tod

Inhalt:

Als Johannes Waldmann am Vorabend seiner Rückkehr in den Dienst der Bonner Mordkommission an einen Tatort gerufen wird, ahnt er nicht, in welche Abgründe dieser Fall ihn führen wird. Während er die Leiche des getöteten Lokalpolitikers besieht, jagt eine Frau in einem gestohlenen Polizeiwagen einem Audi nach. In ihm vermutet sie die junge Ukrainerin Zlata, die gerade noch mit dem Politiker auf einem Zimmer war. Auch die Journalistin Pia Luninger ist an dem Fall dran. Spurlos wird die große Reportage heißen, die sie über Menschenhandel und Zwangsprostitution schreiben will und die ihr endlich den ersehnten Karrieresprung ermöglichen soll. Mit jedem Schritt, den Waldmann tiefer in den Sumpf des Verbrechens hineinwatet, löst sich ein Faden, der die große Wunde seines Lebens nur oberflächlich zusammenhielt: der Verlust seiner Frau. Damals, auf einem Bazar, als sie von einem auf den anderen Moment einfach so – verschwand. 

Rezension: 

Hauptkommissar Johannes Waldmann kehrt nach einer beruflichen Zwangspause wieder an seinen Arbeitsplatz im KK 11 in Bonn zurück und wird Teil der Sonderkommission, die den Mord an einem Lokalpolitiker in einem Edelbordell aufklären soll. Parallel dazu ereignet sich hinter der Grenze in den Niederlanden ein Unfall, bei dem die Frau ums Leben kommt, mit der sich der Politiker zuvor getroffen hat. Bei ihr handelt es sich um eine ukrainische Flüchtige. 
Journalistin Pia Luninger arbeitet einer Reportage über Menschenhandel und Zwangsprostitution und steht mit einer Sozialarbeiterin in Kontakt, die jungen Frauen helfen möchte, ihrer desolaten Situation im Umfeld brutaler Menschenhändler zu entkommen. 
Nachdem Tod von Zlata und dem Verschwinden ihrer Freundin Sofia wendet sich Pia Luninger mit ihrem Insiderwissen an Waldmann. 

"Waldmann - Flucht in den Tod" ist der Auftakt einer neuen Krimireihe um den erfahrenen Hauptkommissar Johannes Waldmann, der aufgrund des Verschwindens seiner Frau vor sieben Jahren auf einem Basar in Lagos unter Panikattacken leidet. Der Fall um die Zwangsprosituierten geht ihm deshalb besonders nahe, da auch hier Frauen verschwinden und er immer wieder seine Ehefrau Maria vor Augen hat. 

Titel und Klappentext verraten bereits den wesentlichen Inhalt der Geschichte. Kriegsflüchtlinge werden verschleppt und ihre hilflose Situation ausgenutzt, um in Deutschland und angrenzenden Ländern als Prostituierte zu arbeiten. Bei Versuchen zu entkommen, droht ihnen Gewalt oder schlimmstenfalls der Tod. 
Die Polizei muss grenzüberschreitend ermitteln, um die Hintermänner aufzudecken und der Organisierten Kriminalität den Garaus zu machen. 

Aufgrund der verschiedenen Perspektiven von Ermittlern, Opfern und Verbrechern ist der Kriminalroman nur mäßig spannend. Für den Leser ist offensichtlich, wer die Täter sind und was es aufzuklären gilt. Waldmann, der wiederholt als "bester" Polizist beschrieben wird, kann in seiner Rolle wenig glänzen. Während der Ermittlungen hat er eine passive Rolle, wird von seinen Emotionen geleitet und fortlaufend von seinen psychischen Problemen eingeholt. Erkenntnisse stützen sich im Wesentlichen auf die Arbeit der Polizei in den Niederlanden, das Bundeskriminalamt, Europol und insbesondere auf die Informationen der beiden Frauen, die Undercover recherchieren und ihre Leben gefährden. 

Der Auftaktband von "Waldmann" handelt mit dem Leid und Schicksal von geflüchteten Ukrainerinnen, Zwangsprostitution, Menschenhandel von brisanten Themen und schwerwiegenden Verbrechen, kann in der Umsetzung jedoch wenig überzeugen. Der Kriminalfall ist durchschaubar, die Ermittlungen zu nebensächlich. Darüber hinaus wirkt die Handlung in Teilen wenig realistisch, wenn eine mafiöse Verbrecherbande ihrem Entführungsopfer das Handy überlässt, mit dem sie geortet werden kann oder wenn aufgrund persönlicher Motivation wiederholt Kompetenzen überschritten werden.